30 Jahre zeitgenössischer Tanz in München Es war tatsächlich ein tragischer Zufall, der Jessica Iwanson 1973 nach München führte. Ein Tänzer war bei einem Unfall ums Leben gekommen und der Choreograph Bill Miliés suchte eine Vertretung für dessen Unterrichtsstunden. Jessica Iwansons Unterricht hatte so unglaublichen Zulauf, daß sie sich schon im Frühjahr 1974 mit einem eigenen Studio am Gärtnerplatz selbständig machte und eine eigene Company gründete. Tagsüber wurde geprobt und abends mit Unterrichtstunden die Miete verdient. In nur kurzer Zeit sammelte Jessica Iwanson ein Team von Tänzern und Pädagogen um sich, expandierte und mietete für ihre erste Vorstellung den Zirkus Krone. Ausverkauft! Zu ihren damaligen Tänzern und Pädagogen zählte die Primaballerina der Staatsoper, Joyce Cuoco, die Tänzer Peter Jolesch (noch heute an der Staatsoper), Leon Kjellson (heute Ballettmeister in Düsseldorf) und Christer Reveny (heute Ballettchef am Stadttheater in Schweden). In den späten 70er Jahren trat sie mit ihrer Company jährlich im Rahmen der städtischen Veranstaltungswochen 'München Kultur' open air am Marienplatz auf. Die Auftritte entwickelten sich zum Kultereignis; 10000 Menschen blockierten vormittags den Marienplatz um sich einen guten Blick auf die Bühne zu sichern. Die Schule am Gärtnerplatz entwickelte sich zwischenzeitlich zum Szenetreff Münchens. In den Studios trainierten die heutigen Kritikerinnen Malve Gradinger und Eva Fischer, bei Bier und Rotwein wurde die Zukunft der Tanzkunst diskutiert. Rainer Werner Fassbinder zählte ebenso zu den Gästen wie Mikhail Baryshnikow. 1979 zog die Schule ins Münchner Westend. Es folgten Vorstellungen im Theater an der Leopoldstraße, im (damaligen) Brienner Theater und in der (alten) Alabamahalle. Eine erste Generation von Ausbildungsschülern sammelte sich um Jessica Iwanson. Darunter die heute in München bekannten Choreographen und Tänzer Micha Purucker, Andreas Abele, Sabine Glenz - aber auch Wally Wolfgruber, heute Dozent in New York, Patrick Delcroix, heute Tänzer und Choreograph am Netherlands Dans Theater, Katie Champion, langjährige Tänzerin bei DV8 und Barbara Hampel langjährige Tänzerin bei Pina Bausch. Im selben Jahr entstand die Slapstick-Komödie 'Hotel Danube', eine in rasantem Tempo erzählte Groteske nach der Musik von Spike Jones. 'Hotel Danube' begeisterte gleichermaßen Kritik und Publikum, wurde in den verschiedensten Besetzungen mehrere hundert mal aufgeführt, zuletzt 2004, also 25 Jahre nach seiner Entstehung. Einen Höhepunkt für das breite Münchner Publikum - wie einst bei München Kultur am Marienplatz - bildeten die Eröffnungswochen der internationalen Gartenbauausstellung 1983. Tausende von Zuschauern pilgerten täglich zu den Iwanson-Vorstellungen auf der Seebühne im Westpark. Zu dieser Zeit trat Stefan Sixt als neuer Lebens- und Arbeitspartner ins Leben von Jessica Iwanson. Die Schule vergrößerte sich, die Studioflächen wurden mehr als verdoppelt und eine Studiobühne eingerichtet. Internationale Gastdozenten gaben sich die Klinke in die Hand: Der Limon-Solist Carlos Orta , Michael Bergese aus London, Peter Goss aus Paris und natürlich die Jazztanzlegenden Alvin Mc Duffy und Charles Moore. Der letztgenannte begründete eine bis heute andauernde Identität von Jazztanz in München, die zunächst von Karren Foster und schließlich - bis heute - von Regine Blum weitergeführt wurde. Regine Blum, die seit über einem Jahrzehnt die Jazztanz Abteilung leitet, hat mit ihrem Stil Generationen von Tanzpädagogen in Deutschland geprägt und wird für ihre choreographischen Arbeit von der Kritik heute hoch gelobt. 1985 choreographierte Jessica Iwanson das Duett 'Gesichter', das beim internationalen Choreographiewettbewerb 1985 in Nyon mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurde. 'Gesichter' hat sich zum Klassiker entwickelt: Das Stück wurde fürs schwedische Fernsehen aufgezeichnet, findet sich im Repertioire von vielen Stadttheatern und wurde in über 30 Besetzungen insgesamt mehrere tausendmal aufgeführt. Zuletzt tanzten die Absolventinnen von 2004, Simona Piroddi und Ceren Yavan das Duett im Rahmen der Abschlußaufführung. Die Schule wuchs weiter und Jessica Iwanson holte neue Dozenten ans Haus: Den Amerikaner Mark Davis, der viele Jahre als Choreograph in München von sich reden machte und schließlich zurück nach New York ging um bei Bill T. Jones zu tanzen. Aber auch die Koreanerin Mina Yoo, die ein gutes Jahrzehnt Graham Technik an der Schule unterrichtete und heute als Leiterin der Akademie in Seoul regelmäßig ehemalige Schüler und Dozenten der Iwanson-Schule nach Korea engagiert: Andreas Abele und Micha Purucker, Katja Wachter und jüngst Monica Gomis. Lehrpläne und Unterrichtsstrukturen verfestigten sich, der Ruf der Schule wurde zusehends international. Immer mehr Schüler aus dem europäischen Ausland entschlossen sich zu einem Studium in München - so daß 1987 eine erneute Erweiterung nötig wurde. In den frühen Jahren der Schule und der Company Jessica Iwansons lag es in der Natur der Dinge, daß sehr fortgeschrittene Schüler an Vorstellungen mitwirken sollten. Infolgedessen musste das tägliche Training der Company gleichzeitig eine technische Ausbildung der jungen Tänzer beinhalten: saubere Köperarbeit, Drehungen, Sprünge - kurz, das ganze physische und technische Handwerkszeug des professionellen Tänzers. Jessica Iwanson griff auf das klassische Training an der Stange zurück, erweiterte es aber mit den zentralen Anforderungen des modernen Tanzes: eine ganz andere Dynamik, Rhythmuswechsel und vor allen Dingen die freie Bewegung, off balance, die Technik, die den Tanz entfesselte. Der Stundenplan der Studenten umfasste damals klassisches Ballett, Jazztanz und als moderne Fächer die von Jessica Iwanson entwickelte Technik und Graham-Technik, schließlich hatte Jessica Iwanson als Stipendiatin ein Jahr an der Martha Graham Schule in New York verbracht. Andere traditionelle Unterrichtstechniken wie die Limon Technik oder die Cunningham Technik wurden von Gastdozenten, u.a. von Jenny Coogan und Susan Quinn unterrichtet. Der radikale Umbruch zeitgenössischer Tanzästhetik Anfang der 90er Jahre brachte zwangsläufig auch eine Erneuerung des Lehrplans mit sich. Die traditionelle Graham-Technik wurde aus dem Lehrplan genommen. Die damit frei gewordene Position des Modern-Dance-Lehrers wurde nicht neu besetzt sondern ein - bis heute aktuelles - zirkulierendes System von Gastdozenten eingeführt. Auf diese Art lernten die Studenten Arbeit und Ästhetik unterschiedlichster renommierter Choreographen und Tänzer kennen. Insbesondere Rui Horta prägte viele Jahrgänge von Absolventen, die er unterrichtete und für die er bei Abschlußaufführungen sein Repertoire einstudierte. Robert Poole (Ballettdirektor Linz) zählte ebenso zu den regelmäßigen Gästen wie Philip Egli (Ballettdirektor St. Gallen) oder die Tänzer und Choreographen Olga Cobos/Peter Mika, Jan Kodet oder Ambra Succi (Bounce). Heute kehrt mit Aline Goeppert, Stephan Herwig, Volker Michl, Erich Rudolf, Steffi Erb, Lil Rösch, Jasmin Hauck, Isabella Kraus und Minka Heiß bereits eine junge Generation von Iwanson-Absolventen als Dozenten an die Schule zurück. Moderner Kindertanzunterricht spielt seit der Gründerzeit der Schule eine wichtige Rolle an der Schule um schon für die ganz Kleinen eine Alternative zum klassischen Ballett zu bieten. Anfangs noch von Jessica Iwanson entwickelt, entstand unter der Leitung der Iwanson Tänzerin Karren Foster Mitte der 80er Jahre ein eigenständiges Unterrichtssystem für zeitgenössischen Tanz mit Kindern. Seit über 10 Jahren leitet Gabi Würf, selbst Iwanson Absolventin, eigenständig die Kinderabteilung und entwickelt das Programm ständig weiter. Weit über 100 Tanzpädagogen kommen mittlerweile regelmäßig zu diesen Fortbildungs-Programmen, so daß heute in vielen Teilen Deutschlands Kindertanzunterricht nach der Iwanson Methode zu finden ist. Um auch Jugendlichen, die weit ausserhalb Münchens wohnen, die Gelegenheit zu intensivem, modernem Tanztraining zu geben, wurden schon Ende der 80er Jahre die 'Jugendtanztage' ins Leben gerufen: intensive Tanzworkshops im Stile eines Jugendlagers. Aus der heute vom BLZT unterstützen Veranstaltungsreihe sind mittlerweile eine ganze Reihe von erfolgreichen jungen Tänzern hervorgegangen, u.a. die späteren Iwanson-Stipendiaten Isabella Kraus, Nikola Müller Aisha Ruof ua. Künstlerisch wandte sich Jessica Iwanson in den 90er Jahren verstärkt der choreographischen Bearbeitung von Naturthemen zu und setzte mit ihren Produktionen (aufgeführt im Gasteig bzw. Akademietheater) immer wieder Akzente der Münchner Tanzgeschichte: 1990 'Nordpol', 1994 'Zugvögel', 1995 'Öknen', 1997 'Snö', 1999 'Andere Orte'. 1997 verfilmte sie für das schwedische Fernsehen unter dem Titel 'Nachtvögel' ihre Bühnenproduktion 'Nighthawks' von 1990. 'Nachtvögel' zählt heute zu den Tanzfilm-Klassikern und wird bis heute immer wieder auf Sendern wie arte oder 3sat ausgestrahlt. Anfang der 90er Jahre entstand unter der Leitung von Alex Heiser in Zusammenarbeit mit dem bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) ein Qualifizierungssystem für Jazztanz-Pädagogen: Der Trainingsleiterschein. Die Prüfungen werden heute vom BLZT-Lehrteam Alex Heiser, Noemi Erhard und Regine Blum abgenommen. Viele hundert junge Tanzpädagogen haben die Trainingsleiterprüfung inzwischen abgelegt und der "Iwanson Schein" ist längst zum Standard der Branche avanciert. Seit 2003 gibt es auch für den Iwanson-Kindertanz-Unterricht die Möglichkeit Trainingsleiterscheine zu erwerben. Mit dem - vorläufig - letzten Umzug der Schule 1992 in die heutigen Räume war schließlich der Sprung in die Gegenwart gemacht. Die zwei großen Studiengänge sind auf über 100 Vollzeitstudenten angewachsen und prägen jetzt das Bild der Schule. Die ehemalige Absolventin Pia Fossdal betreut seit mehreren Jahren als Jessica Iwansons Assistentin die Ausbildungsklassen und ihre Vorstellungen. Fast die Hälfte der Studenten kommt aus dem Ausland, die meisten aus dem europäischen Umland und aus Skandinavien, aber auch aus weit entfernten Ländern wie Chile, Korea, Japan, Israel, USA, Mongolei, Weissrussland, Usbekistan, Mazedonien oder der Türkei. Fast 1000 Studenten haben im Laufe der Jahrzehnte die verschiedenen Iwanson-Vollzeitprogramme belegt. In den letzten 5 Jahren, seit 2000 wurde das Weiterbildungs-Stipendium der Landeshauptstadt München jeweils an eine Iwanson-Absolventen vergeben: Dolma Gruber, Andrea Sonnberger, Monica Gomis, Nikola Müller, Simona Piroddi aus Italien und 2005 an Aisha Ruof und Denise Noack. Im Frühjahr 2005 brachte Jessica Iwanson im tanzSpeicher Würzburg ihren autobiographisch angelegten Soloabend heraus. Dazu die Kritik: "Das ist getanztes Theater auf höchstem Niveau." Im Jahr 2001 wurde Jessica Iwanson "für ihre Verdienste um den zeitgenössischen Tanz" die Ehrenmedaille 'München leuchtet' in Silber verliehen. Im April 2007 begründete sie die Iwanson-Sixt-Stiftung für zeitgenössischen Tanz und startete das Nachwuchsprogramm 'Junger Tanz München' in Kooperation mit dem Gärtnerplatztheater, der israelitischen Kultusgemeinde und der Gasteig München GmbH, gefördert durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München.
Iwanson - zeitgenössischer Tanz in München
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